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21/07/2018
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Geschichte Tzimbar lentak! - Ein Besuch im Dorf Lusern, dessen Einwohner immer noch so sprechen wie vor 1000 Jahren

BAYERN · Samstag, 21. Juli 2018 · Artikel 5/12

Geschichte Tzimbar lentak! 

Ein Besuch im Dorf Lusern, dessen Einwohner immer noch so sprechen wie vor 1000 Jahren 

VON SEBASTIAN BECK  UND HANS KRATZER 

Der Weg zu den Urbayern führt Richtung Süden über den Brennerpass, vorbei an Trient und dann nach Westen weit ins Gebirge hinein. Gut 40 Kilometer windet sich die Straße hinauf auf fast 1400 Meter, dann kommt endlich Lusern in Sicht: Ein kleines Dorf auf einer Hochebene, deren Flanke steil ins Tal abfällt. Hotelburgen und Touristenschwärme sucht man hier vergebens. Der Wind jagt die Regenwolken über die Ruinen des österreichischen Sperrwerks aus dem Ersten Weltkrieg - die größte Touristenattraktion von Lusern.

Doch wer dem Altbürgermeister Luigi Nicolussi Castellan lauscht, wenn er mit einer Bekannten telefoniert, der ahnt, dass Lusern noch viel mehr zu bieten hat als Kriegsgeschichte, Natur oder das Heimatmuseum: Nicolussi redet in einer Sprache, die sich irgendwie Südtirolerisch anhört, eine merkwürdige Mischung aus Bairisch, unterlegt mit italienischer Melodie. Die Sprache ist so exklusiv, dass sie nur von tausend Menschen weltweit gesprochen wird, wobei die meisten von ihnen hier oben leben. Einheimische wie Nicolussi nennen sie schlicht "as be biar" - so wie wir. Ein paar mehr Menschen kennen sie auch als Zimbrisch. "Bolkhent atz Lusern - Willkommen in Lusern. Bolkhent in lont von Zimbarn - Willkommen im Land der Zimbern."



Eine Illustration aus einem Zimbrisch-Wörterbuch für Kinder. Die Begriffe klingen ähnlich wie das alte Bairisch, das vor 800 Jahren gesprochen wurde. Foto: Moine Earstn Börtar, Sara Moling/Gabi Mutschlechner (Illustration)

Der Name Zimbern weckt sofort Erinnerungen an den Geschichtsunterricht, in dem ein gleichnamiger Germanenstamm aus dem Norden Europas vorkam. Dieser wurde vor gut 2000 Jahren von den Römern aufgerieben. Diese Zimbern und Teutonen sind aber mit den Zimbern von Lusern nicht verwandt. Die Vorfahren der Luserner stammen nämlich aus Oberbayern, genauer gesagt aus der Gegend von Benediktbeuern. Vermutlich hatte sie im Mittelalter eine Hungersnot gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und sich in dieser rauen italienischen Bergregion anzusiedeln. Luigi Nicolussi Castellan sagt, der Bischof von Verona habe damals den Brüdern aus Bayern angeboten, sich in den abgelegenen Hügeln nördlich von Verona anzusiedeln, die Wälder zu roden und die Felder zu bestellen.

Diese Höhenzüge einigermaßen urbar zu machen, dürfte eine mühsame Fronarbeit gewesen sein. Und tatsächlich wurden die Zuwanderer für Nachkommen der germanischen Zimbern gehalten. "Sunt Cimbri, ut se asserunt", heißt es in einer italienischen Schrift aus dem 14. Jahrhundert: "Sie sind Cimbern, wird behauptet." Dieser Irrglaube hielt sich bis ins 19. Jahrhundert. Der Name blieb ihnen, und ihre Sprache auch. Das Zimbrische hat auf der alpinen Hochebene nördlich von Verona und Vicenza die Zeiten überdauert. Vor allem in Lusern hat sich ein Idiom erhalten, wie es vor gut 800 Jahren in Bayern gebräuchlich war. Es handelt sich um die archaischste deutsche Mundart, die noch existiert.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Nach seinem ersten Besuch bei den Zimbern anno 1838 schwärmte der große bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller, er habe dort Klänge aus dem 9. Jahrhundert gehört. Dies war leicht übertrieben, aber eines lässt sich mit Sicherheit behaupten: Als eine bairische Varietät des Mittelhochdeutschen reicht das Zimbrische ins 12. Jahrhundert zurück. Die Luserner sprechen also zum Teil noch so, wie es die Menschen in Benediktbeuern um 1180 taten, als die Wittelsbacher die bayerische Herzogswürde erhielten.

Weil die Zimbern im schwer zugänglichen Gebirgsdorf Lusern, in den Sieben Gemeinden um Asiago und in den Dreizehn Gemeinden nördlich von Verona weitgehend isoliert blieben, entwickelte sich ihre Sprache nicht weiter, sie wurde quasi wie unter einer Käseglocke im Urzustand konserviert. Schmeller erkannte sofort, dass er hier einen Dialekttyp des Mittelhochdeutschen hörte, denn die Zimbern sagten wie die Altbayern und Tiroler für Dienstag Ertak, für Donnerstag Pfinztak und für küssen pussen.



Bairisch, italienisch, europäisch. Foto: Sebastian Beck

Im Jahr 1855 veröffentlichte Schmeller, der Verfasser des berühmten Bayerischen Wörterbuchs, zudem ein zimbrisches Wörterbuch, das jedoch bald in Vergessenheit geraten sollte. Im 20. Jahrhundert schien das Zimbrische endgültig dem Untergang geweiht zu sein. Welch ein Glücksfall, dass das Arbeitsamt München in den 50er Jahren seinen Mitarbeiter Hugo Resch nach Norditalien schickte, um dort Gastarbeiter anzuwerben. Wie vor ihm Schmeller war auch Resch von der archaischen Sprache in den abgelegenen Bergdörfern fasziniert. Sie sollte ihn nicht mehr loslassen, Resch hatte eine Lebensaufgabe gefunden. Er entwickelte sich zu einem leidenschaftlichen Zimbern-Forscher, der bis zu seinem Tod im Jahr 1992 auf den Sprachinseln der Zimbern unermüdlich Wörter, Redewendungen, Eigenheiten der Grammatik und die Ausdruckskraft der Dialekte festhielt. Das von ihm gesammelte Material füllt Hunderte Aktenordner. Reschs wertvolle Arbeit war nicht für die Katz. Sein Vermächtnis bewahrt nun das 1969 ins Leben gerufene Cimbern-Kuratorium, das sich nicht nur dem Erhalt der alten Sprache widmet, sondern zusammen mit dem Landkreis Landshut freundschaftliche Bande mit der Provinz Vicenza pflegt. Regelmäßige Besuchsfahrten gehören ebenso zum Programm wie Fortbildungen und Vorträge. Im Frühjahr fand in der VHS Vilsbiburg erstmals ein Sprachkurs statt, bei dem die Teilnehmer Grundlagen der klassischen zimbrischen Hochsprache erlernten: "Oft gesagt und oft gehört - Òften khöt und often gahòrrt."

Das Zimbrisch der Luserner ist die lebendigste Variante dieses Dialekts, sie hält dem Druck des Italienischen bisher am besten stand. Vermutlich deshalb, weil Lusern mitsamt seinem Umland bis 1918 habsburgisch war, während die Nachbargemeinden zu Italien gehörten. Fiorenzo Nicolussi Castellan, der Leiter des Kulturamts, verweist nicht ohne Stolz auf die alten bairischen Wörter, die in Lusern immer noch zu hören sind: "Kronebit" (Wacholder) zum Beispiel, oder "Pruach" (Hose), ein Begriff, der selbst im tiefsten Altbayern längst vergessen ist.



Das Dorf Lusern ist eine der letzten deutschen Sprachinseln in den norditalienischen Bergen. Foto: Sebastian Beck

Als klassische Minderheitensprache geriet das Zimbrische in der Vergangenheit immer wieder in das Mahlwerk der Politik. Etwa im Ersten Weltkrieg, als die Feindeslinie zwischen dem Königreich Italien und der Habsburger Monarchie direkt auf ihrem Gebiet verlief und die Zimbern von Tod und Vernichtung heimgesucht wurden. Noch heute sind im Heimatmuseum von Lusern die schweren Granaten zu sehen, mit denen sich die Feinde von den umliegenden Gebirgszügen aus beschossen und auch das Dorf trafen.

Nach dem Krieg wurde die Region dann gezielt italienisiert. Das Zimbrische, das damals noch für Zehntausende Muttersprache war, verlor seinen kulturellen Boden, es wurde vom Italienischen verdrängt. Mussolinis Faschisten hielten die Zimbern nicht zuletzt wegen ihrer eigenwilligen Kultur und Sprache für völkisch renitent und politisch unzuverlässig. Der Gebrauch der zimbrischen Sprache wurde nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Raum untersagt. Wer gegen das Verbot verstieß, wurde hart bestraft. Die Sprachinseln wurden immer mehr zurückgedrängt.

 

SZ-KARTE/MAPS4NEWS

Das Verschwinden des Zimbrischen wurde überdies befeuert durch die wirtschaftliche Not, die viele junge Bewohner der Bergregion zum Auswandern in die Städte zwang, dorthin, wo sie Arbeit fanden, wo sie sich aber sprachlich umstellen mussten. Die Dörfer in den Bergen bluteten sprichwörtlich aus. In manchen Orten starb das Zimbrische spätestens in den 50er Jahren aus. Die Luserner aber wollten sich mit dem Untergang ihrer alten Kultur nicht so ohne weiteres abfinden. Im Zuge der 68er Bewegung entwickelte sich dort allen widrigen Umständen zum Trotz eine Art zimbrischer Widerstand. Und der hat zumindest dafür gesorgt, dass Rom im Jahr 2001 die Zimbern als sprachliche Minderheit anerkannte. In Italien hat der Schutz von Sprachminderheiten Verfassungsrang. Seitdem fließt auch staatliches Geld in den Ort. Das Überleben des Zimbrischen dürfte vorerst gesichert sein.

"Dass das Zimbrisch am Sterben sei, hat man schon vor 150 Jahren behauptet", sagt Luis Thomas Prader, Sekretär des Sprachinselkomitees in Oberitalien. Und doch gibt es sie noch, die Zimbern sagen selber "Tzimbar lentak" - das Zimbrische lebt. Eines steht für Prader fest: "Heute schämt man sich nicht mehr, die eigene Sprache zu gebrauchen, man ist stolz darauf, sie zu pflegen."

Auch Luigi Nicolussi ist zuversichtlich, dass die Sprache überleben wird. Das Kulturinstitut im Ortszentrum trägt seinen Teil dazu bei mit Sprachkursen und Kinderprogrammen. Sogar Fernsehnachrichten auf Zimbrisch gibt es inzwischen. Und mit einem aufwendig gestalteten Heimat- und Naturmuseum lockt Lusern inzwischen Touristen in den Ort, um ihnen zu zeigen: Wir sind noch da.

Lusern

Die Gemeinde Lusern liegt 376 Kilometer von München entfernt. Sehenswert ist dort vor allem das Heimat- und Naturmuseum mit seinen zahlreichen Tierpräparaten. In der Umgebung wurde im Ersten Weltkrieg heftig gekämpft. Das österreichische Sperrwerk Gschwent wurde vor einigen Jahren in ein Museum umgewandelt und kann ebenfalls besichtigt werden. Im Sommer ist die Gegend um Lusern mit seinen vielen alten Militärstraßen ein Ziel für Mountainbiker. SZ

Nicolussi hofft deshalb, dass die Sprachinsel der Urbayern noch lange erhalten bleibt. Er sagt: "Wenn wir wollen, kann unsere Sprache weiter bestehen. Immerhin leben wir hier seit tausend Jahren inmitten von Italienern und haben unsere Sprache dabei lebendig gehalten. Wir sind der harte Kern."

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